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Lackschichtendicke: Wie viel Lack darf wirklich poliert werden?
Die Lackschichtendicke ist eines der wichtigsten Themen in der professionellen Fahrzeugaufbereitung. Es gibt viele Missverständnisse und Mythen rund um dieses Thema – einer der häufigsten ist die Behauptung, dass ein Lack mit einer Messung unter 80 µm (Mikrometer) nicht mehr poliert werden darf. Das ist so nicht korrekt! Warum das so ist und was wirklich zählt, erfährst du in diesem Beitrag.
Aufbau eines modernen Autolacks
Ein klassischer Autolack besteht aus mehreren Schichten, die zusammen eine durchschnittliche Gesamtdicke von etwa 100-150 µm ergeben. Der Aufbau sieht typischerweise so aus:
Grundierung (Primer) – ca. 10-30 µm
- Dient als Haftvermittler zwischen Metall/Kunststoff und den weiteren Schichten.
- Kann je nach Hersteller auch eine Kombination mit dem Füller sein.
Füller (Surfacer/Sealer) – ca. 20-40 µm
- Sorgt für eine glatte Oberfläche und verbessert die Haftung des Basislacks.
- Manche Hersteller (z. B. Mini) kombinieren Füller und Grundierung in einer Schicht.
Basislack (Farbe/Pigmentschicht) – ca. 10-30 µm
- Gibt dem Fahrzeug seine Farbe.
- Enthält bei Effektlacken Metallic- oder Perleffekte.
Klarlack (Clearcoat) – ca. 30-50 µm
- Schützt den Lack vor UV-Strahlung, chemischen Einflüssen und mechanischem Abrieb.
- Ist die einzige Schicht, die tatsächlich poliert werden kann.
Warum 80 µm nicht automatisch kritisch ist
Viele glauben, dass ein Lack mit unter 80 µm nicht mehr bearbeitet werden darf. Das ist jedoch eine pauschale Fehleinschätzung. Entscheidend ist, wie sich die einzelnen Lackschichten zusammensetzen. Ein Beispiel:
- Mini haben oft eine kombinierte Grundierung/Füller-Schicht, wodurch die Gesamtlackstärke bereits bei 90 µm liegen kann.
- Mercedes & Audi haben häufig dickere Lackaufbauten mit bis zu 150 µm.
Wenn also bei einem Mini 90 µm gemessen werden, ist das völlig in Ordnung, solange der Klarlack in einem gesunden Bereich von 20-30 µm liegt.
Warum nicht jeder Kratzer rauspoliert werden sollte
Es ist fachlich falsch, jeden Kratzer um jeden Preis rauszupolieren. Viele Detailer und Fahrzeugaufbereiter entfernen Kratzer kompromisslos, ohne den Klarlack zu schonen. Dabei wird oft unnötig viel Klarlack abgetragen, was langfristig die Schutzfunktion des Lacks schwächt.
Der Klarlack ist nicht regenerierbar – einmal abgetragen, kann er nur durch eine Neulackierung ersetzt werden. Eine professionelle Aufbereitung sollte daher so materialschonend wie möglich erfolgen. Statt radikaler Korrektur kann man leichte Kratzer oft durch geschicktes Finishing, Füllpolitur oder eine Versiegelung optisch reduzieren, ohne unnötig Klarlack zu entfernen.
Wichtig ist auch die Beratung des Kunden: Nicht jeder Kratzer sollte entfernt werden, besonders bei Alltagsfahrzeugen. Die Gefahr neuer Kratzer durch Waschanlagen oder unsachgemäße Pflege ist hoch, weshalb es oft vergebene Mühe ist, jede kleine Beschädigung auszupolieren. Stattdessen sollte der Fokus auf Lackschutz liegen. Eine Ausnahme bilden Show Cars für Messen oder Ausstellungen – hier ist eine makellose Oberfläche gewünscht, da das Fahrzeug kaum Alltagsbeanspruchung ausgesetzt ist.
Warum das ganze Auto gemessen werden muss
Einzelne Messwerte sind nur aussagekräftig, wenn sie im Kontext betrachtet werden. Ein Beispiel:
- Wenn die meisten Stellen des Autos eine Lackdicke von 120 µm haben, aber an einer bestimmten Stelle nur 90 µm, ist das ein Hinweis auf eine frühere Politur oder Reparatur.
- Wenn das ganze Auto um die 90-100 µm misst und es sich um einen Mini oder BMW handelt, ist das völlig normal und kein Grund zur Panik.
Fehlmessungen: Warum Türfalze keine Referenz sind
Ein weiterer Fehler, den viele machen: Die Lackdicke in der Türfalz messen und mit dem Außenbereich vergleichen.
- Türfalze werden oft nur mit Grundierung und Klarlack oder mit einer dünneren Farbschicht lackiert.
- Die Lackstärke hier ist meist viel niedriger als auf den Außenflächen – das hat nichts mit Abtrag oder dünnem Lack zu tun.
Fazit: Eine korrekte Lackmessung erfolgt immer über das gesamte Fahrzeug, mit mehreren Vergleichswerten. Eine einzelne niedrige Messung bedeutet nicht automatisch, dass der Lack nicht mehr poliert werden kann.
Wichtige Punkte zusammengefasst:
- Eine Lackdicke unter 80 µm bedeutet nicht automatisch, dass nicht poliert werden kann!
- Der Klarlack ist die entscheidende Schicht – und der liegt meist bei 20-50 µm.
- Mini und BMW haben oft nur 90-100 µm Gesamtlackstärke, was völlig normal ist.
- Ein einzelner Messwert sagt nichts aus – immer das ganze Auto vergleichen!
- Türfalze haben oft dünneren Lack und sind keine geeignete Referenz.
Wer sich mit Lackdickenmessung auskennt, kann fundierte Entscheidungen zur Politur treffen – und nicht einfach nur blind nach Zahlen handeln.